Glenn Greenwald – annalist https://annalist.noblogs.org Innenansichten Sun, 05 Jan 2014 14:24:13 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Die Schnittmenge zwischen Journalismus und Aktivismus https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/05/die-schnittmenge-zwischen-journalismus-und-aktivismus/ https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/05/die-schnittmenge-zwischen-journalismus-und-aktivismus/#comments Sun, 05 Jan 2014 13:41:17 +0000 http://annalist.noblogs.org/?p=3445 Weiterlesen ]]> camera-medium_4773079216Gestern gab es bei DRadioWissen ein einstündiges Gespräch dazu, was den Unterschied zwischen Journalist_innen und Aktivist_innen ausmacht: Das Ende der Unterschiede?. Wenig überraschend sind die Beteiligten zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, ich fand vor ein paar Tagen schon, dass vor allem gut ist, dass die Debatte über Journalismus stattfindet.

Bei DRadioWissen ging es Juliane Leopold (Zeit Online), Falk Steiner (D-Radio), Daniel Bröckerhoff (Blogger und Freier) und Vera Linß (DRadioWissen) vor allem um die Definition von Journalismus in Abgrenzung zu Aktivismus. Die Diskussion drehte sich um die journalistische Gretchenfrage: Dürfen Journalist_innen eine Meinung haben? Soll bzw. muss die erkennbar sein und wie?

Die klassische Antwort ist, dass sie eine haben dürfen, aber dass sie nicht erkennbar sein soll, es sei denn, sie schreiben einen Meinungsbeitrag, oder Kommentar. Tatsächlich wissen wir natürlich, dass es keinen Text gibt, der rein objektiv, neutral, ‚wahr‘ ist. Die eine Wahrheit gibt es nicht – keine besonders revolutionäre Erkenntnis. Bei Naturwissenschaften unterscheidet sich das vielleicht in Nuancen, aber aber auch da beeinflusst die (interessengeleitete) Fragestellung das Ergebnis. Ich bin keine Medienwissenschaftlerin und weiß nicht, ob und wie das sonst diskutiert wird, aber es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass diese Überlegung in Debatten über Journalismus noch nicht eingeflossen sei.

Dazu kommt, dass nicht erst seit gestern bekannt ist, dass Journalist_innen nicht im luftleeren Raum agieren. Im Unterschied zu (den meisten) Blogger_innen verdienen sie mit Journalismus Geld, sind also abhängig von ihren Auftrag- oder Arbeitgeber_innen. Es ist ja kein Zufall, dass die Artikel in der FAZ konservativer sind als die in der Frankfurter Rundschau (waren). Da in der Regel alle über dieselben Themen schreiben (ein anderes, trauriges, Kapitel), müsste nach den in der aktuellen Debatten hochgehängten journalistischen Qualitätsstandards in etwa überall dasselbe stehen. Wenn wir mal davon ausgehen, dass jeweils auf die Einhaltung des Pressekodex geachtet wird, dann dürften die sich eigentlich gar nicht unterscheiden, schon gar nicht zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Weil die Journalist_innen aber Geld verdienen müssen, geht es in den Beiträgen nicht (nur) um ihre eigene Fragestellung, sondern (auch) um die derer, die sie bezahlen. Das ist an und für sich auch nicht schlecht: ich lese (sehe, höre) gern verschiedene Sichtweisen auf ein Thema. Gut wäre eben, wenn das auch Einklang in die Definition von Journalismus fände: dass Journalist_innen Menschen sind, die eine Meinung haben und sich dazu in der Regel in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden, und sich beides in ihren Beiträgen wiederfindet.

Als vor knapp 15 Jahren Ende 1999 das unabhängige Medien-Netzwerk Indymedia gegründet wurde, war genau dies eine seiner Wurzeln: Kritik an den bestehenden Medien. Die beiden anderen waren Technik (die Möglichkeit, im Web ein CMS zu betreiben, mit dem alle, die wollten, im Netz veröffentlichen konnten: 1999 revolutionär neu) und Politik (Indymedia verstand sich als mediale Plattform der globalisierungskritischen Bewegung, die sich vor allem in Gipfelprotesten ausdrückte). Indymedia wurde irgendwann vom Web 2.0 überholt und konnte, unfinanziert und von Freiwilligen betrieben, mit den kommerziellen Plattformen nicht mehr mithalten. Viele Indymedia-Aktive haben diese Plattformen mitentwickelt – Twitter beispielsweise hat seine Ursprünge in den Gipfelprotesten um den Jahrtausendwechsel.

Das ‚unabhängig‘ im Namen stand und steht für die Medienkritik: kommerzieller, also bezahlter Journalismus ist zwangsläufig abhängig und wird damit auch inhaltlich beeinflusst. Das heißt nicht, dass Journalismus in seiner klassischen Definition zwingend schlecht ist. Es war aber auch die Aufforderung, die Journalismus-Definition endlich vom hohen Ross zu holen und der Realität gegenüberzustellen. Ich amüsiere mich regelmäßig darüber, dass der Begriff „Qualitätsjournalismus“ ernst gemeint ist und bspw. im Bundestag immer mal wieder Anhörungen des Kulturausschusses zum Qualitätsjournalismus stattfinden. Irgendwann wurde der Begriff Bürgerjournalismus, auch Citizen Journalism, erfunden für die Leute, die einfach so ihre Beobachtungen, Meinung, Fotos oder Videos in bestimmten Medien veröffentlichen und qua Definition an die hohe Qualität des ‚richtigen‘ Journalismus nicht ranreichten. Mir rollen sich die Zehennägel hoch, wenn sich Menschen selbst so bezeichnen. Kurz darauf began die Diskussion darüber, ob Blogger_innen so gut wie Journalist_innen sein können. Die wurde schon erheblich erbitterter geführt, sicherlich auch, weil Blogger_innen in der Regel ein größeres Ego mit sich herumtragen und es ihnen (ok: uns) öfter um Selbstdarstellung geht.

Aus dieser Auseinandersetzung mit Medien und dem alten Begriff des Journalismus rund um Indymedia entstand der Begriff ‚Medienaktivismus‘. Und hier schließt sich der Kreis zur aktuellen Debatte darum, ob Glenn Greenwald Journalist oder Aktivist ist. Können Journalist_innen, die sich kritisch mit Medien und der politischen Auseinandersetzung über Medien beschäftigen, überhaupt Journalist_innen sein, oder sind sie zwangsläufig Aktivist_innen, weil es um sie selbst und ihre Rolle geht? Bei DRadioWissen ist diese Diskussion gestern teilweise in Haarspalterei ausgeartet: Wenn ich zu einer Demo aufrufe, bin ich dann Aktivist_in, nicht Journalist_in? Eher Aktivist_in. Was aber, wenn ich als Journalist_in eine_n Politiker_in zum Rücktritt auffordere? Journalismus sei das nur, wenn es gut begründet sei, während Aktivist_innen ihre Überzeugungen nicht begründen müssten, wurde gesagt. An dem Punkt hatte ich den Eindruck, dass die Diskussion erheblich ins Schwimmen geriet. Natürlich müssen Aktivist_nnen ihre Meinung und Forderungen begründen, sonst hört wirklich niemand zu, und mehr als Preaching to the Converted kommt dabei nicht raus. Auf der anderen Seite wäre nicht schwer, zig Beispiele von Journalismus zu finden, bei denen die (belegte) Begründung für Behauptungen fehlt.

Irgendwie wird von der Annahme ausgegangen, dass Journalist_innen in der Lage seien, genügend Distanz zum Thema ihrer jeweiligen Arbeit zu bewahren, während Aktivist_innen das nicht könnten, oder wollten. Die Distanz werde erkennbar in eingefügten Sätzen, die die eigene Position erläutern: „Der Autor hat die Demonstration angemeldet“ wurde gestern als Beispiel genannt. In der Form halte ich das für ziemlichen Quatsch, muss ich sagen. Es ist natürlich nicht schlecht, sogar wünschenswert, dass erkennbar ist, in welchem Verhältnis Autor_innen zu ihrem Thema stehen. Aber das ein paar Sätze die entscheidende Trennlinie zwischen Journalismus oder kein Journalismus ziehen, löst das Problem nicht.

Und wenn Journalist_innen über Medien, über Journalist_innen und ihre Situation in den Medien schreiben jenseits von der puren Faktenauflistung, dann sind sie eher Medienaktivist_innen. Medienjournalismus könnten es eigentlich, der Idee des reinen Journalismus folgend, gar nicht geben. Ich denke, dass es ihn schon gibt, aber ich denke ja auch, dass die Definition von Journalismus gründlich erneuert werden müsste.

Es gibt beim unabhängigen, oder Bürgerjournalismus, genauso wie bei Blogger_innen wie eben auch im klassischen Journalismus Beiträge mit journalistischer Qualität. Bei allen drei geht nicht im die Form, sondern um den Inhalt: erkenne ich, wann es sich um möglichst sachliche Beschreibungen handelt und wann um Kommentar? Werden mir unterschiedliche Meinungen zum Thema präsentiert? Werden Quellen belegt?

Und damit ist Journalismus nicht durch den Ort der Veröffentlichung definiert, sondern durch die Qualität des Textes (Beitrags). Wie ich vor zwei Tagen schon schrieb: mir ist bewusst, dass das problematisch ist, weil die Funktion von Journalismus als Kontrolle von Regierungen und Parlamenten aktuell überhaupt nicht unterschätzt werden kann. Aber genauso, wie sich Medien in den letzten Jahrzehnten weiter rasant verändert haben, muss sich die auch die Definition von Journalismus ändern.

Und zu Glenn Greenwald: der ist in (in der Regel) Journalist, wenn er die Leaks von Edward beschreibt und einordnet. Beim 30C3 war er Aktivist. Es ist ja nicht mal kontrovers, dass er auch früher schon Aktivist war und dann erst Journalist wurde. Warum ist das jetzt plötzlich ein Problem?

 

Update: Ich vergaß den Disclaimer, dass ich, gemeinsam mit vielen anderen, 2001 an der Gründung von Indymedia in Deutschland beteiligt und dort bis 2007 teilweise aktiv war.
Und wurde darauf hingewiesen, dass aus dem Text herausgelesen werden könne, ich sei der Meinung, Blogger_innen seien eitler als Journalist_innen. So war das natürlich nicht gemeint!

Foto: svxx via photopin CC-BY-NC-ND-Lizenz

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Wer ist Journalistin*? https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/01/wer-ist-journalistin/ https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/01/wer-ist-journalistin/#comments Wed, 01 Jan 2014 15:05:11 +0000 http://annalist.noblogs.org/?p=3418 Weiterlesen ]]> presse-medium_6413917193Wir haben eine neue Journalismus-Debatte. Glenn Greenwald sprach per Skype die Keynote des 30C3 und sagte dabei ‚wir‘ und nicht ‚ihr‘, als er über die Folgen der Snowden-Leaks und die politischen Aufgaben sprach, die sich daraus ergeben. Kai Biermann und Patrick Beuth (Zeit Online) finden, dass er damit den heiligen Gral des Journalismus verlassen hat und zum Aktivist geworden ist. In der Folge gab es die obligatorische Twitter-Debatte und weitere Artikel.

Nach der ‚Blogger sind keine Journalisten‘- haben wir jetzt also eine ‚Was sind eigentlich Journalisten‘-Debatte. Gut so. Dessen Definition ist nämlich nicht so einfach, bei allem Respekt für den journalistischen Ethos und Ubervater Hajo Friedrichs.

Bei Zeit Online wird also gefragt:

Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein?

Ich fragte mich gestern (twitternd): was ist denn ein Journalist, oder eine Journalistin? Ist das ein Beruf, eine Identität, ein zeitweiliger Zustand? Eine Selbstzuschreibung von mehreren?

Es waren einige kürzlich unglücklich, weil sie in meiner Twitter-Liste ‚Alte Medien‚ gelandet sind. Es ist ein Synonym für ‚journalistische Medien‘, hier also: ‚alt‘ als Kontrast zu ’neu‘. ‚Journalistisch‘ klingt natürlich schöner. Beides hat viel mit der Selbstzuschreibung zu tun. Und solange das Selbstverständnis (samt entsprechender Praxis) existiert, Journalismus sein ‚anders‘, gibt’s eben die eigene Kategorie.

Eine schwammige Trennung, das ist mir nicht erst beim Listen-Sortieren aufgefallen. Ich überlegte eben kurz, diese Fragen in eine angefragte Kolumne (einer Zeitung) zu schreiben. Wären sie dann Journalismus? Sind sie hier keiner?

Ich werde häufig als Journalistin vorgestellt, obwohl ich mich selbst nirgends so beschreibe. Ich habe zwar jahrelang als Online-Redakteurin gearbeitet; das hat gereicht, um mir einen Presseausweis zu verschaffen. Ich finde allerdings, dass ich als Bloggerin viel journalistischer schreibe als als Redakteurin, als ich eigentlich gar nicht ‚wirklich‘ schrieb, sondern nur anderer Leute Texte in Form brachte. (Den Presseausweis habe ich jetzt nicht mehr, obwohl ich dank der aktuellen Berufsbezeichnung ‚Editor‘ vielleicht wieder einen bekäme. Aber wozu auch.)

Da in meinen Kurz-Bio-Texten gar nicht steht, dass ich mal Redakteurin war, kann die Zuschreibung ‚Journalistin‘ nur aus uralten, irgendwo abgeschriebenen Beschreibungen stammen, oder aber benutzt werden, weil sie mehr hermacht als ‚Bloggerin‘, oder mir einfach zugeschrieben werden, weil ich mich in der Regel bemühe, meine Behauptungen zu belegen usw usf, also durchaus ein Mindestmaß des bewussten journalistischen Ethos auch beim Bloggen für sinnvoll halte. Leitsatz ist dabei, dass die Realität meist erschreckend genug ist, da ist Übertreibung gar nicht nötig. Ich beschreibe mich nicht als Journalistin, obwohl ich auch gern eine geworden wäre, wäre mein Leben anders verlaufen. (Hier der kleine Exkurs zu den Absagen, die ich bekam, weil ich als Mutter nur Teilzeit arbeiten will).

Natürlich ist sinnvoll, dass es eine Definition für Journalismus gibt. Der Schutz der Pressefreiheit ist wichtig, und seine Funktion als Kontrolle auch. Deswegen ist aber auch nötig, sie der Entwicklung von Technik und Medien anzupassen. Das ist mit den alten Kategorien schwierig.

Dazu kommt das an sich nicht neue Problem, wo die Grenze verläuft, wenn sich Journalist_innen für die Sache der Journalist_innen einsetzen. Ich behaupte, es gibt sie an dieser Stelle nicht. Hier müsste neu gedacht werden, ob Journalismus eine Textform oder eine demokratische Funktion ist, die sich für den Schutz der Pressefreiheit einsetzt, und wie definiert wird, wenn beides zusammenkommt. Das wurde von Patrick Beuth und Kai Biermann versucht, entlang der alten Kategorien. Die greifen aber nicht mehr und so interpretiere ich auch Glenn Greenwald. Die Zeiten sind anders – politisch und technisch -, und wir überlegen besser, was und wie Journalismus sein kann, bevor er von der medialen Evolution überrollt wird.

Update: Ein paar Gedanken zur Zukunft des Journalismus vom Nieman Journalism Lab, die die Fragen auch nicht beantworten, aber Anstöße für den Weg aus der Mottenkiste geben. (Die Mottenkiste ist nicht persönlich gemeint, sondern gilt für das gesamte Genre).

 

*Der besseren Lesbarkeit halber sind Journalisten mitgemeint.

Foto: The PIX-JOCKEY via photopin CC-BY-NC-Lizenz

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