Patrick Beuth – annalist https://annalist.noblogs.org Innenansichten Fri, 03 Jan 2014 13:18:43 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Wer ist Journalistin*? https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/01/wer-ist-journalistin/ https://annalist.noblogs.org/post/2014/01/01/wer-ist-journalistin/#comments Wed, 01 Jan 2014 15:05:11 +0000 http://annalist.noblogs.org/?p=3418 Weiterlesen ]]> presse-medium_6413917193Wir haben eine neue Journalismus-Debatte. Glenn Greenwald sprach per Skype die Keynote des 30C3 und sagte dabei ‚wir‘ und nicht ‚ihr‘, als er über die Folgen der Snowden-Leaks und die politischen Aufgaben sprach, die sich daraus ergeben. Kai Biermann und Patrick Beuth (Zeit Online) finden, dass er damit den heiligen Gral des Journalismus verlassen hat und zum Aktivist geworden ist. In der Folge gab es die obligatorische Twitter-Debatte und weitere Artikel.

Nach der ‚Blogger sind keine Journalisten‘- haben wir jetzt also eine ‚Was sind eigentlich Journalisten‘-Debatte. Gut so. Dessen Definition ist nämlich nicht so einfach, bei allem Respekt für den journalistischen Ethos und Ubervater Hajo Friedrichs.

Bei Zeit Online wird also gefragt:

Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein?

Ich fragte mich gestern (twitternd): was ist denn ein Journalist, oder eine Journalistin? Ist das ein Beruf, eine Identität, ein zeitweiliger Zustand? Eine Selbstzuschreibung von mehreren?

Es waren einige kürzlich unglücklich, weil sie in meiner Twitter-Liste ‚Alte Medien‚ gelandet sind. Es ist ein Synonym für ‚journalistische Medien‘, hier also: ‚alt‘ als Kontrast zu ’neu‘. ‚Journalistisch‘ klingt natürlich schöner. Beides hat viel mit der Selbstzuschreibung zu tun. Und solange das Selbstverständnis (samt entsprechender Praxis) existiert, Journalismus sein ‚anders‘, gibt’s eben die eigene Kategorie.

Eine schwammige Trennung, das ist mir nicht erst beim Listen-Sortieren aufgefallen. Ich überlegte eben kurz, diese Fragen in eine angefragte Kolumne (einer Zeitung) zu schreiben. Wären sie dann Journalismus? Sind sie hier keiner?

Ich werde häufig als Journalistin vorgestellt, obwohl ich mich selbst nirgends so beschreibe. Ich habe zwar jahrelang als Online-Redakteurin gearbeitet; das hat gereicht, um mir einen Presseausweis zu verschaffen. Ich finde allerdings, dass ich als Bloggerin viel journalistischer schreibe als als Redakteurin, als ich eigentlich gar nicht ‚wirklich‘ schrieb, sondern nur anderer Leute Texte in Form brachte. (Den Presseausweis habe ich jetzt nicht mehr, obwohl ich dank der aktuellen Berufsbezeichnung ‚Editor‘ vielleicht wieder einen bekäme. Aber wozu auch.)

Da in meinen Kurz-Bio-Texten gar nicht steht, dass ich mal Redakteurin war, kann die Zuschreibung ‚Journalistin‘ nur aus uralten, irgendwo abgeschriebenen Beschreibungen stammen, oder aber benutzt werden, weil sie mehr hermacht als ‚Bloggerin‘, oder mir einfach zugeschrieben werden, weil ich mich in der Regel bemühe, meine Behauptungen zu belegen usw usf, also durchaus ein Mindestmaß des bewussten journalistischen Ethos auch beim Bloggen für sinnvoll halte. Leitsatz ist dabei, dass die Realität meist erschreckend genug ist, da ist Übertreibung gar nicht nötig. Ich beschreibe mich nicht als Journalistin, obwohl ich auch gern eine geworden wäre, wäre mein Leben anders verlaufen. (Hier der kleine Exkurs zu den Absagen, die ich bekam, weil ich als Mutter nur Teilzeit arbeiten will).

Natürlich ist sinnvoll, dass es eine Definition für Journalismus gibt. Der Schutz der Pressefreiheit ist wichtig, und seine Funktion als Kontrolle auch. Deswegen ist aber auch nötig, sie der Entwicklung von Technik und Medien anzupassen. Das ist mit den alten Kategorien schwierig.

Dazu kommt das an sich nicht neue Problem, wo die Grenze verläuft, wenn sich Journalist_innen für die Sache der Journalist_innen einsetzen. Ich behaupte, es gibt sie an dieser Stelle nicht. Hier müsste neu gedacht werden, ob Journalismus eine Textform oder eine demokratische Funktion ist, die sich für den Schutz der Pressefreiheit einsetzt, und wie definiert wird, wenn beides zusammenkommt. Das wurde von Patrick Beuth und Kai Biermann versucht, entlang der alten Kategorien. Die greifen aber nicht mehr und so interpretiere ich auch Glenn Greenwald. Die Zeiten sind anders – politisch und technisch -, und wir überlegen besser, was und wie Journalismus sein kann, bevor er von der medialen Evolution überrollt wird.

Update: Ein paar Gedanken zur Zukunft des Journalismus vom Nieman Journalism Lab, die die Fragen auch nicht beantworten, aber Anstöße für den Weg aus der Mottenkiste geben. (Die Mottenkiste ist nicht persönlich gemeint, sondern gilt für das gesamte Genre).

 

*Der besseren Lesbarkeit halber sind Journalisten mitgemeint.

Foto: The PIX-JOCKEY via photopin CC-BY-NC-Lizenz

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