Transmediale – annalist https://annalist.noblogs.org Innenansichten Sun, 02 Feb 2014 22:57:56 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Laura Poitras redet über ihre Arbeit https://annalist.noblogs.org/post/2014/02/02/laura-poitras-redet-ueber-ihre-arbeit/ https://annalist.noblogs.org/post/2014/02/02/laura-poitras-redet-ueber-ihre-arbeit/#comments Sat, 01 Feb 2014 23:35:02 +0000 http://annalist.noblogs.org/?p=3477 Weiterlesen ]]> In Berlin findet gerade die Transmediale statt, das jährliche Festival zu Kunst, Kultur und Technologie. Von Berlin ziemlich ignoriert zieht die Transmediale eher internationales Publikum an. Ich verstehe das ein bisschen: eine andere (Sub-)Kultur, allein das Setting im Haus der Kulturen der Welt strahlt für viele etwas Elitär-Bürgerliches aus. Was dem HdKdW unrecht tut, denn es ist nicht nur ein angenehmer Ort im Tiergarten, direkt an der Spree, sondern es gibt dort regelmäßig gute, interessante, politische Veranstaltungen. Auch bei der Transmediale ist das so. Es gibt jedes Mal sehr politische Inhalte und Referent_innen, die nicht gefühlt immer überall schon sind. Sollte sich das politische und das Netz-Berlin nicht so entgehen lassen.

Zu teuer? Ich habe mich zigmal als Bloggerin akkreditiert und keinen Cent gezahlt. Zugegeben wirkt es selbst für mich, die ich keine große Nähe zu Kunst und Kultur habe, manchmal so, als ob das Geklüngel groß wäre, aber das Ergebnis lohnt sich trotzdem. Ein paar Bilder aus der Ausstellung Art Hack Day sind unten zu sehen.

Empfehlen möchte ich heute Laura Poitras, die gemeinsam mit Trevor Paglen und Jake Applebaum eine Keynote gefüllt hat. Trevor Paglen war auch interessant, dessen Talk beim 30C3 hatte ich schon empfohlen.

Laura Poitras erklärte als Erstes, dass sie keine Neuigkeiten enthüllen werde, dass darauf wartenden Journalist_innen also auch gut etwas trinken gehen könnten. Was sie dann erzählt und gezeigt hat, was trotzdem spannend und bewegend. Sie ist sehr unaufgeregt und keine emphatische Selbstdarstellerin, was ich sehr angenehm finde. Sie erklärte, wie sie arbeit und was ihre Motivation ist. Ihr Thema sind die USA. Das brachte sie dazu, sich mit 9/11 zu beschäftigen, mit dem Irak-Krieg, mit Guantanamo, dem Krieg gegen den Terror und schließlich mit den Enthüllungen von Edward Snowden. Sie ist wahnsinnig mutig. Sie zeigt einige Clips, die sämtlich ziemlich beeindruckend sind:

Der Auftritt konterkariert sehr schön etwas, was ich in den letzten Wochen in Berlin beobachte: einen ansteigenden Hype um die so genannte „Whistleblower-Community“ in Berlin. Das reicht bis hin zu einem boulevardesken Beitrag des ARD-Morgenmagazins, in dem sich eine Reporterin auf die Suche nach den sich in Berlin versteckenden Whistleblowern und ihrem Unterstützer_innen-Netzwerk macht, sie aber nicht findet. Sehr skurril, denn offensichtlich ist es ja nicht schwierig. Manchmal sitzen sie sogar ganz öffentlich auf Bühnen.

Last but not least ein paar Eindrücke aus Art Hack Day. Es ist ziemlich dunkel da drin, daher fast nur Text. Guckt es Euch an. Mir gefiel die künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen NSA und Überwachung.

™-bitAbmahnungen für Pastebin-Inhalte?

™-honeypotHoneypot, in dem Fall für Smartphones.

™-data-retentionDazu ist ein Monitor zu sehen, auf dem die Inhalte, die auf dem Rechner gefunden wurden, in schnellem Wechsel zu sehen sind.

™-imsi

 

DSC_1362Keine ganz neue Idee und nicht unumstritten.

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Seda Gürses, Michelle Teran, Manu Luksch: Interventionen zu Überwachung https://annalist.noblogs.org/post/2011/01/23/seda-gurses-michelle-teran-manu-luksch-interventionen-zu-uberwachung/ https://annalist.noblogs.org/post/2011/01/23/seda-gurses-michelle-teran-manu-luksch-interventionen-zu-uberwachung/#comments Sun, 23 Jan 2011 01:14:01 +0000 http://annalist.noblogs.org/?p=1371 Weiterlesen ]]> In der Zeitschrift Surveillance & Society, Sonderausgabe zu Surveillance, Performance and New Media Art, 2/2010 erschien (englisch) Ein Trialog über Interventionen im Überwachungsraum: Seda Gürses im Gespräch mit Michelle Teran und Manu Luksch.

Seda Gürses ist Informatikerin, Michelle Teran und Manu Luksch sind Künstlerinnen. Sie unterhalten sich über ihre jeweilige Auseinandersetzung mit Überwachung, und ich möchte das ganz UNBEDINGT allen zum Lesen empfehlen, die sich auch nur im weitesten für das Thema interessieren. Es gibt viel mehr dazu als den trockenen aktivistischen deutschen Lobby-Politikansatz.

Sowohl Michelle Teran als auch Manu Luksch haben die Möglichkeit, Signale von Überwachungskameras aufzufangen, in verschiedenen Kunstprojekten umgesetzt – laange bevor das in Deutschland (in den Medien) bekannt und letztes Jahr ein paar Tage ein Skandal wurde.

Michelle Teran hat bspw. mit den Bildern einer Überwachungskamera in einer Autowaschanlage in Oslo ein Freiluftkinoevent an der Außenwand eben dieser Autowaschanlage organisiert, Popcorn inklusive (der Besitzer war nicht begeistert).

Sie hat letztes Jahr den Transmediale Award für ihr Projekt Buscando Al Sr. Goodbar gewonnen. Dabei hat sie eine Bustour zu den Orten der Aufnahme von YouTube-Clips in Murcia, Spanien organisiert und so die Leute, die die Clips gemacht haben mit denen in Kontakt gebracht, die die Clips sehen. Die Bewegung des Busses war über eine Google Earth Karte zu verfolgen.

Von Manu Luksch ist der Film Faceless (Gesichtslos), gedreht nach den Regeln des „Manifestos für Überwachungskamera-FilmemacherInnen„. Der ganze Film besteht ausschließlich aus Filmmaterial von Überwachungskameras. Die Idee basiert auf dem britischen Datenschutzgesetz von 1998, nachdem alle Menschen das Recht auf ihre Daten in jeglichen rechnergestützten Datensammlungen haben, inklusive Aufnahmen von Überwachungskameras. Die dürfen dann auch weiterverwendet werden, allerdings muss die Privatsphäre von Dritten geschützt werden: sie sind im Film ‚gesichtslos‘.

Im Trialog reden beide über ihre Arbeit, die Gedanken dahinter und ihre jeweilige Motivation, sich so mit Überwachung auseinanderzusetzen. Michelle Terans Interesse hat weniger mit Privatsphäre zu tun als etwa mit der Entfremdung der Menschen von ihren Daten, sobald es diese gibt: Die Aufnahme von mir in einer Überwachungskamera, etwa in der U-Bahn: bin das ich? Ist das etwas anderes? Wie ist mein Verhältnis dazu? Habe ich Daten-Doppelgänger? Vielleicht gibt es auch mehrere, manche von mir absichtlich geschaffen, andere außerhalb meiner Kontrolle.

Manu Luksch hat für ihren Film zwar keine Bilder selbst gedreht, aber sehr viel Zeit damit zugebracht, Aufnahmen von sich durch Überwachungskameras zu erhalten. Daraus ergibt sich z.B. die Frage: werden wir in Zukunft viel mehr Zeit mit dem Management unserer Daten verbringen?

Ein anderer Aspekt berührt die Macht über Daten. In dem Moment, in dem meine Daten anfangen zu existieren, jenseits meiner Person, habe ich nicht mehr allein die Kontrolle darüber, wie sie definiert werden – etwa die Interpretation eines Bildes. „Für mich war der Prozess des Einsammelns meiner Daten eine Begegnung mit der Macht der Sprache. Wer die Macht hat, definiert die Bedeutung (notion).“ (Manu Luksch)

Ein weiteres Thema ist unser Verhältnis zu unseren neuen digitalen Identitäten. Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, synchron mit unseren Daten-Alter-Egos zu sein, sowohl was die selbstgeschaffenen angeht als auch die, die in irgendwelchen Datenbanken entstehen.

Schließlich reden sie über das Verhältnis zwischen Kunst und Aktivismus und die Gefahr, dass ihre Arbeit so interpretiert werden könnte, dass Überwachung dafür auch nützlich ist.

Als Aktivistin finde ich Kunst nicht immer bequem, aber sie wirft wunderbar intelligente Fragen auf.

A Trialogue on Interventions in Surveillance Space: Seda Gürses in conversation with Michelle Teran and Manu Luksch (pdf)

Und das ist ja auch eine sehr schöne Überleitung dazu, dass übernächste Woche in Berlin die Transmediale beginnt, die in der deutschen Netzpolitik mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte, denn sie hat viel mehr zu bieten als die zig Barcamps und Social-Media-Schnickschnacks.

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